Brain Centric - Was wir die Realität nennen

Was wir die Realität nennen: Ein neues Buch zeigt, wie das Gehirn die Welt konstruiert

Ronald Cicurel erklärt, warum wir die Welt nie an sich wahrnehmen — sondern immer nur das, was unser Gehirn daraus macht

Zürich, 13. August 2026. Mit Was wir die Realität nennen (französische Ausgabe: Ce que nous appelons le réel) legt der Neurowissenschaftler und Philosoph Ronald Cicurel ein Buch vor, das eine einfache, aber folgenreiche Frage stellt: Sehen wir die Welt so, wie sie ist — oder sehen wir immer nur eine Übersetzung, die unser Gehirn für uns anfertigt? Das Buch erscheint auf Französisch bei den Éditions Sarina und auf Deutsch bei Waypoint Editions (2026). Es richtet sich an alle, die sich schon einmal gefragt haben, warum zwei Menschen dieselbe Situation völlig unterschiedlich erleben können.

Ein Foto ist nicht der Sonnenuntergang

Jeder kennt dieses Gefühl: Man fotografiert einen Sonnenuntergang, überzeugt, den Moment festgehalten zu haben — und stellt später fest, dass das Bild nichts von der Wärme der Luft, dem Rauschen des Windes oder dem emotionalen Eindruck jenes Augenblicks vermittelt. Genau von diesem Unterschied handelt Cicurels Buch: dem Unterschied zwischen dem, was tatsächlich da ist, und dem, was unser Gehirn daraus macht.

Cicurel nennt diesen Vorgang „brain-centric": Das Gehirn erfasst die Welt nicht wie eine Kamera. Es wählt aus, was wichtig ist, ordnet es nach vertrauten Mustern und fügt alles zu etwas zusammen, das uns wie „die Realität" erscheint. Zwischen dem, was tatsächlich geschieht, und dem, was wir erleben, liegt also immer ein Übersetzungsprozess — einer, den wir in der Regel nicht bemerken, weil er sich so mühelos vollzieht.

Das Buch zeigt, wie tief dieser Mechanismus reicht: Es erklärt, warum ein erschöpfter Körper die Welt bedrohlicher wahrnimmt, warum Verliebte dieselbe Landschaft heller sehen, warum Träume real wirken und warum ein Trauma noch Jahre später den Körper so reagieren lassen kann, als sei die Vergangenheit Gegenwart. Cicurel zieht daraus eine Schlussfolgerung, die ebenso beunruhigend wie befreiend ist: Es gibt keine einzige Realität, die alle gleich sehen würden — es gibt nur die Realität, die jedes Gehirn für sein eigenes Verstehen herstellt.

Warum das jeden betrifft

Diese Frage ist kein akademisches Spiel. Sie betrifft die Art, wie wir Smartphones, soziale Netzwerke und Algorithmen nutzen, die — wie das Buch zeigt — genau auf dieser Ebene ansetzen: Sie entscheiden mit, was wir sehen werden, noch bevor wir eine bewusste Wahl treffen. Sie betrifft auch die Art, wie wir streiten: Wörter wie „Wahrheit", „Liebe" oder „Gerechtigkeit" bedeuten für jeden Menschen etwas anderes, weil sie auf unterschiedlich übersetzten Realitäten beruhen. Und sie betrifft die Frage, was künstliche Intelligenz kann und was nicht: Eine KI ohne Körper, so Cicurel, kann Sprache verarbeiten, hat aber nie ihre eigene Realität übersetzt — ihr fehlt die körperliche Erfahrung, aus der jede menschliche Wahrnehmung entsteht.

Der Autor formuliert es so:

„Wir nehmen die Welt nie ohne Vorannahmen wahr. Unser Gehirn verwandelt Reize, Erfahrungen und Erwartungen in eine Realität, die wir bewohnen können — und die Sprache gibt dieser Realität eine Form, die wir mit anderen teilen können."

Trotz dieser radikalen Perspektive bleibt das Buch konkret verankert: Es verspricht keine endgültigen Antworten auf das Rätsel des Bewusstseins und erklärt nicht, was Realität „an sich" ist. Stattdessen lädt es dazu ein, die eigene Wahrnehmung mit mehr Gelassenheit und Neugier zu betrachten — als etwas, das sich konstruiert, statt einfach da zu sein.

Über den Autor

Ronald Cicurel ist Neurowissenschaftler und war von 2004 bis 2011 an der Gründung des Blue-Brain-Projekts an der EPFL in Lausanne beteiligt — einem der ersten Versuche, ein gesamtes Gehirn auf einem Supercomputer zu simulieren. Mit Was wir die Realität nennen legt er sein sechzehntes Buch vor; dreizehn seiner Werke widmen sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln der Frage nach Realität, Erkenntnis und Intelligenz. 2015 veröffentlichte er gemeinsam mit dem Neurowissenschaftler Miguel Nicolelis The Relativistic Brain.